"Von der Subkultur zum sozialistischen Realismus"
Im Spiegel des Filmschaffens wird die kulturpolitische Entwicklung in der Sowjetunion der 20er Jahre belichtet. Eine Vortragsreihe mit original zeitgenössischen Filmbeispielen. Die verschiedenen Themenbausteine können individuell zusammengestellt und didaktisch in verschiedenen Formen angeboten werden.
Sei es als Seminar, abendliche Vorführungen oder als Ergänzung zu anderen Veranstaltungen. Bei Bedarf kann Unterstützung bei den Anträgen zur Finanzierung durch Stiftungen angeboten werden.
Kontakt: projekte@osteuropaservice.eu
Das Thema
Film als Methode zum Erkennen und Verändern der Wirklichkeit und die Veränderte Wirklichkeit zum Erkennen neuer Methoden im Filmgeschehen. Dabei präsentierte sich der junge sowjetische Film nicht zwanghaft oder gar ausschließlich zielbewusst, planmäßig überlegt oder etwa nach nur einer Methode konzipiert, wie ihm oft in der Retrospektive unterstellt wird. So ist auch das Filmschaffen in den Pool der großen Kunstdebatten, dem kulturellen und politischen Experimentieren, Streiten und Verändern jener Zeit eingebettet. Daraus resultiertieren die Vielfalt der Formen und Ansprüche, die eifrig geführten Dispute um Theorie und Praxis des Films.
Ob avangardistisch oder gegenständlich, der sowjetische Film der 20er Jahre war der Motor einer künstlerischen und ideellen Erneuerung des zeitgenössischen Kinos schlechthin und auch ein wirkungsvolles Mittel im Kampf gegen Kapitalismus und Klassengesellschaft. Es ist die Geburtsstunde des politischen- und Dokumentarfilms.
Das Projekt gibt Einsichten in die Kulturdebatten und die kulturpolitische Entwicklung von der Subkultur der vorrevolutionären Zeit bis zum sozialistischen Realismus. Es wird eine spannungsgeladene Brücke zur Gegenwart gebaut, die den notwendigen Affront zur herrschenden Kulturindustrie als Markt propagiert.
Die Themenblöcke
Allgemeines zum Funktionswandel der sowjetischen Kunst 1910 – 1935
- Was bezeichnet hier Subkultur? – Und was nicht?
- Über die mitunter idealisierende und politisierende Vorstellungen einer die Gesellschaft konterkarierenden und eventuell mittelfristig verändernden "Gegenkultur".
- Revolution – und nun?
- Streit der Kulturschaffenden über ihre Verantwortung beim Aufbau einer neuen Gesellschaft?
- Neue Formen – neue Ästhetik – neue Gesellschaft – neue Ästhetik – neue Formen?
- Die Künstlergesellschaften formen den Weg zur einheitlichen Struktur der Kulturschaffenden?
- Eine Kluft zwischen Anspruch und Realität in den Beziehungen zwischen Kunst – Bildung – Nationalität?
- Die Dialektik Filmschaffen und gesellschaftliche Entwicklung im Kontext des Funktionswandels
Der sowjetische Frauenfilm – die Frau im sowjetischen Film
Die Oktoberrevolution war die erste Revolution der Weltgeschichte, die sich die Aufgabe stellte, auch die Frauen zu befreien. Sie brachte für die Frauen Russlands radikale Veränderungen für ihr Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen.
- Praktische Arbeitsmöglichkeiten (als entscheidendes Element sahen die Bolschewiki den Kampf für die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frauen)
- Gleichstellung nicht nur auf formaler und juristischer Ebene (konnte sicherlich nicht von allen Frauen im vollem Umfang sofort genutzt oder realisiert werden)
- Sicherung ihrer Gleichstellung durch Schutzgesetze
- Vergesellschaftung der Haus- und Erziehungsarbeit
Mit dem gewollten und realen Wandel des Gesellschaftlichen Bewusstseins, veränderte sich auch das Kunst-und Kinoverständnis in Bezug auf Entwicklung und Umsetzung einer neuen Konzeption von Weiblichkeit. Auch wenn die frühen sowjetischen Filme über Frauenemanzipation fast ausschließlich von männlichen Regisseuren gedreht wurden, so schufen sie ein Bild der neuen Frau, das sowohl bewußt geprägte Persönlichkeit, als auch Objekt heftiger Diskussionen war.
Die Entwicklung des politischen- und Dokumentarfilms und dessen Einfluss auf die Entwicklung der Gesellschaft
- Filme die Position beziehen, die eine kritische Meinungsbildung nicht ablehnen und nicht an kommerzielle,"marktorientierte" Vorgaben gebunden sind.
- Erkennen der humanen, sozialen und politischen Mission des Kinos und die Voraussetzungen für die praktische Arbeit am Film.
- "Ich werde eine neue Sprache schaffen" (Eisenstein/Vertov) – Die Filmsprache stellt eine organische, elementare Relation zwischen dem Film und dem Leben her. Eine Vermittlung, eine Möglichkeit der Entdeckung und Verbindung zwischen der Realität des Filmschaffenden und der Realität in der Gesellschaft. Die Eignung für den politischen Film ist in dieser Relation zu sehen. Die Sprache des Films ist nicht nur ein Kulturprodukt, sondern ist Teil der Kultur. Sei es als "Gegenkultur" (Subkultur), als Teil der Architektur einer neuen Kultur oder als Element der herrschenden Kultur (Dichotomie zwischen Film und Realität). Die Sprache des Films kann sich nicht unvermeidbaren Wertungsvorgängen entziehen, die aus der Konfrontation mit Verhaltenstypen oder mit idealen Normen resultieren. Wenn also allgemein für den Filmschaffenden gilt, dass er die Werte der Gesellschaft, in der er lebt, bestätigt oder in Frage stellt, so sahen sich die Protagonisten des jungen sowjetischen Films noch zusätzlich als Architekten der Konkretisierung eines "denkbaren Bewusstseins", sicherlich im Einvernehmen mit einem Bildungsauftrag (Schöpfer einer neuen, proletarischen Kultur).
